Caminos Indigenas: Mapuche Stimmen aus Argentinien und Chile

von Pedro Cona Caniullan

Gemeinsam mit der Abteilung für Altamerikanistik des Instituts für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn veranstaltet INFOE in diesem Wintersemester eine Ringvorlesung mit dem Titel „Caminos indígenas: Resistir, superar y crear en el transcurso del tiempo de un mundo globalizado“ (Indigene Wege: Widerstand, Überwindung und Gestaltung in Zeiten einer globalisierten Welt). In der zweiwöchentlich donnerstags stattfindenden Veranstaltungsreihe sprechen indigene Wissensträger*innen aus fünf Regionen des Amazonastieflands von Ecuador und Peru sowie der Mapuche aus argentinien und Chile von Globalisierungsprozessen, Klimawandel, der aktuellen Pandemie und ähnlichen globalen Krisen in den lokalen Regionen. Sie zeigen auch, welche Initiativen die Gemeinschaften von der Vergangenheit bis heute und für die Zukunft entwickelt haben, um ihr Wissen und kulturelle Besonderheiten lebendig zu halten und auf dem Weg einer nachhaltigen Entwicklung voranzuschreiten.

Am 25.11.2021 sprach Juana Antieco, Mapuche-Tehuelche Vertreterin aus Argentinien, über ihre Erfahrungen und Sicht auf die Verteidigung des Lebensgebietes und der Kultur der Mapuche in Argentinien (Defensa territorial y cultural desda la perspectiva de una mujer Mapuche de Argentina). Juanas Beitrag wurde ergänzt durch die Perspektive von Pedro Coña Caniullan, Mapuche aus Chile.

In den Beiträgen wurde deutlich, wie die Geschichte der Mapuche sowohl in Chile als auch in Argentinien vom Verlust der Freiheit und der Unterordnung unter die beiden gegründeten Staaten geprägt war. Der lange Krieg gegen das spanische Imperium und danach gegen zwei Republiken führte schließlich zur Aufteilung des Mapuche-Gebiets. Noch heute leiden die Mapuche unter den Folgen des Verlustes des wertvollsten Gutes eines jeden indigenen Volkes: seines angestammten Territoriums.

Zwischen 1960 und 1883 verlor das Volk der Mapuche, das heute in Chile und Argentinien lebt, sein Territorium nach zwei koordinierten Militärkampagnen. Diese werden heute euphemistisch als „Befriedung der Araukania“ (Chile) bzw. „Eroberung der Wüste“ (Argentinien) bezeichnet. Wie in anderen lateinamerikanischen Ländern bestand das Interesse darin, die indigenen Gebiete in die neuen Volkswirtschaften einzugliedern. Dies war auch ein Weg, ohne große soziale und ökologische Kosten an die in den jeweiligen Gebieten verfügbaren Ressourcen zu gelangen, denn die Lebensgebiete der Mapuche waren reich an strategischen Produkten, die von den europäischen und nordamerikanischen Ländern stark nachgefragt wurden, wie Salz, Vieh und fruchtbare Böden für die Produktion und den Handel mit begehrten Feldfrüchten und tierischen Erzeugnissen.

Die wirtschaftlichen Errungenschaften jener Länder nahmen jedoch keine Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung. Viele Familien wurden zwangsweise vertrieben und in kleinen Gebieten in ihrem eigenen Territorium eingeschlossen. Schreckliche Erzählungen aus dieser Zeit sind den Mapuche bis heute in Erinnerung geblieben, ebenso wie die Folgen und Auswirkungen.  Danach änderte sich das traditionelle Leben für viele Familien dramatisch. Die vielen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung standen, waren nicht mehr vorhanden. Denn die neuen chilenischen und argentinischen Verwaltungen setzten ihre eigenen Regeln durch, in denen die kulturellen Werte der Mapuche nicht mehr enthalten waren.

Auch nach 100 Jahren haben die Mapuche dennoch ihre Traditionen, ihre Kultur und ihre Stimme der Freiheit bewahrt und verteidigen sie bis heute. Trotz der natürlichen und politischen Trennung ihres Territoriums erheben sie weiterhin ihre Stimmen auf beiden Seiten der Andenkordillere. Der Grund dafür ist, dass die Menschen auf der Erde ohne den Kontakt mit der Natur nicht nachhaltig leben können. Das ist auch notwendig, um Körper und Geist gesund zu erhalten. Aber nicht nur das, auch die Eigenverantwortung, Werte wie Gegenseitigkeit, Respekt, Fürsorge und Verteidigung zu kultivieren, sind grundlegend, um ein vollständiger Mensch zu werden, was in der Sprache der Mapuche, dem Mapudungun, „CHE“ genannt wird.

Foto: Comunidad Mapuche Autonoma Temucuicui, Chile

Die Natur (Ñuke Mapu) und darüber hinaus auch die spirituellen Kräfte sind Teil der Mapuche-Kosmovision. Diese grundlegenden Elemente der Mapuche Kultur sind seither schwer geschädigt worden. Die Auswirkungen der in der Vergangenheit und bis heute angewandten Gesetze und Politiken zeigen deutlich die physischen Schäden an den natürlichen Ökosystemen, aber auch an der Lebensweise der Mapuche. Aus der Sicht der Mapuche sind die natürlichen Kräfte, sowohl physische als auch spirituelle, aus dem Gleichgewicht geraten und Menschen mit ihrer Lebensweise und ihrem Handeln auf der Erde wirken unmittelbar darauf ein. Hieraus erwächst die Verantwortung, das ihnen anvertraute angestammte Land zu Lebzeiten zu schützen und zu achten und es dann zu verlassen, um sich mit den Vorfahren zu vereinen.

Die Geschichte des Widerstands geht weiter, denn die Politik hat es auf bestimmte Mapuche-Gemeinschaften in Chile und Argentinien abgesehen. In der Zwischenzeit operieren Gruppen im Untergrund mit dem Ziel, die Ausbeutung aller verfügbaren Ressourcen legal oder illegal fortzusetzen. Darüber hinaus haben große Investitionen in verschiedenen Bereichen wie Forstwirtschaft, Bergbau, Staudämme und neuerdings Fracking und Windparks die Menschen auf beiden Seiten der Anden in ernste Schwierigkeiten gebracht. Monokulturen in der Forstwirtschaft führen zu einem dramatischen Verlust an biologischer Vielfalt und zu Wasserverschmutzung und Wassermangel für die Gemeinden. Aufgestaute Flüsse verändern und zerstören den Lebensraum der lokalen Gemeinden sowie der Flora und Fauna. Darüber hinaus zeigt die fehlende Beteiligung der lokalen Gemeinschaften an den laufenden Investitionen, dass es an einer angemessenen Politik zur Regelung einer nachhaltigen Entwicklung mangelt,  trotz der internationalen Anerkennungen der indigenen Völker im Bereich der Menschenrechte (Unterzeichnung der ILO Konvention 169 u.a.) und der Entwicklung und dem Klimaschutz, wie der Agenda 2030 und dem Pariser Abkommen.

Schließlich haben lokale Interessengruppen wie die Mapuche weiterhin große Schwierigkeiten, ihre ganzheitliche Vision von Entwicklung in ihrem Gebiet zu verwirklichen, obwohl dies als wesentlicher Beitrag zum Aufbau einer Entwicklung angesehen wird, die die nachhaltigen Lebensgrundlagen der jahrtausendealten lokalen Kulturen nicht beeinträchtigt.

Englischer Originaltext von Pedro Cona Caniullan.

Der nächste Beitrag in der Vorlesungsreihe kommt am 09.12.2021 von Miriam Soria González, einer Shipibo-Vertreterin aus zum Thema: Artesanar – medicina y arte en la cultura Shipiba. Interessierte wenden sich bitte an anna@infoe.de