Kulturbasiertes Lernen für die Zukunft: Ein Beispiel der Sámi in Schweden

Menschen überall brauchen Zugang zu Bildung, die sie dazu befähigt, heute und in Zukunft würdig zu leben und ihre Bedürfnisse und Talente zu entfalten. Sie brauchen außerdem Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen, um einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten zu können. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), die ein ganzheitliches Lernen unter Berücksichtigung kultureller Werte, religiöser Orientierung und der planetaren Grenzen fördert, ist hierfür von zentraler Bedeutung. [1] Ihr Ziel ist es, alle Menschen zu einem zukunftsfähigen, kritischen und kreativen Denken zu befähigen und ihnen zu ermöglichen, „die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen“ und Verantwortung dafür zu übernehmen.[2] In Zeiten der Corona-Pandemie erhalten Bildung für nachhaltige Entwicklung und Globales Lernen eine aus unserer Sicht noch dringlichere Bedeutung für den Wandel unserer Gesellschaft. Nachhaltiges Leben, Handeln und Wirtschaften sind gerade jetzt wichtig, um als Mensch gesund und stark, als Gemeinschaft solidarisch und inklusiv sowie wirtschaftlich gerecht und ökologisch, die Herausforderungen dieser Krise nachhaltig meistern zu können.

Die Corona-Krise stellt die Bildungsarbeit in vieler Hinsicht vor Herausforderungen, um überhaupt Bildung für alle zu ermöglichen, Lernziele zu erreichen und Kompetenzen zu fördern. In der Krise stecken jedoch auch Chancen für die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), um im Sinne eines ‚buidling-back-better‘ solidarischer und verantwortungsvoller auf Themen der SDGs wie dem Klimaschutz, dem Erhalt der biologischen Vielfalt, der Transformation der Landwirtschaft oder auch die strukturelle Verankerung von BNE hinzuarbeiten. Während sich das nachhaltige Entwicklungsziel 4 der Agenda 2030 (SDG4) mit dem zentralen Thema einer hochwertigen und gleichberechtigten Bildung für alle Menschen beschäftigt, steht BNE im Mittelpunkt von Unterziel 4.7.:

SDG 4.7: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen, Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Weltbürgerschaft und die Wertschätzung kultureller Vielfalt und des Beitrags der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.“

Kulturelle Werte und deren Weitergabe von einer Generation an die nächste, haben eine zentrale Bedeutung in der BNE. Dies gilt insbesondere für indigene Völker, da sie Kultur als eine grundlegende und transformative Dimension nachhaltiger Entwicklung ansehen, die es neben den politischen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Dimensionen zu berücksichtigen gilt. Hochwertige und gleichberechtigte Bildung für nachhaltige Entwicklung bedeutet daher, eine kulturbasierte Bildung, die einer vereinheitlichten und dominanten Bildung entgegenwirkt und die Vielfalt und den Erhalt verschiedener – u. a. indigener – Kulturen stärkt. Das traditionelle Wissen indigener Völker ist dabei als gleichwertig zu anderen Wissenssystemen zu sehen und entsprechend wertzuschätzen.

Der Schlüssel der Erziehung von Sámi[3] Kindern in Schweden kann mit dem Sámi-Konzept von birget beschrieben werden, was bedeutet, eigenständig zurechtzukommen und überlebensfähig zu werden. Traditionellerweise brauchte es zum Überleben Wissen und Fähigkeiten in bestimmten Bereichen, wie beispielsweise der Rentierhaltung. Heute hat das Konzept nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher, aber dennoch ist kulturbasiertes Wissen immer noch Teil eines gemeinsamen Verständnisses und ein Bedeutungsgewebe, das verschiedene Menschen und Generationen zusammenhält. [4]

So könnte ein kulturbasierter Unterricht in Mathematik [5] an Sámi-Schulen in Schweden beispielsweise Sámi-Messungen und Messmethoden beinhalten und Aktivitäten des Lebensunterhalts wie angeln, jagen, Rentierhaltung, Beeren pflücken oder Sámi Handwerk und auch die acht Sámi-Jahreszeiten einbeziehen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts mit den Sámi-Lehrkräften an 5 Sámi-Schulen Schweden, wurde befürchtet, dass das Wissen der Sámi verloren geht, wenn es nicht an die junge Generation weitergegeben wird. Daher braucht es mehr kulturbasierten Unterricht in der Sámi-Sprache, um die Möglichkeiten der Schüler*innen zu verbessern, etwas über frühere Generationen zu lernen und dadurch ihre indigene Identität zu stärken sowie auch um die nationalen Ziele des Sámi-sprachigen Curriculums zu erreichen. Auch die Notwendigkeit, Älteste und Großeltern, als wichtige Wissensquellen, in den Unterricht einzubinden, werden betont. Für einen kreativen und projektorientierten Ansatz im Unterricht wird außerdem die Zusammenarbeit mit den Eltern als wichtig erkannt, wobei die Eltern z.B. praktische Unterstützung leisten oder konkrete Projektideen beisteuern können. Besonders motivierend für die Schüler*innen erweisen sich die Beschäftigung mit einem Mathematikbuch, das Aufgaben mit einem Bezug zu ihrem täglichen Leben enthielt. [6]

Das Konzept von birget könnte in einem aktuellen pädagogischen Kontext bedeuten, dass den Sámi Kindern im Unterricht ein an die moderne Sámi Gemeinschaft angepasstes Wissen vermittelt wird, das sowohl traditionelles Sámi Wissen als auch nationales Schulwissen beinhaltet. Wenn im Unterricht verschiedene kulturbasierte Wissenssysteme und kulturbasiertes Wissen gleichwertig nebeneinander existieren und verbunden werden können, ohne dass sich Lehrkräfte oder Schüler*innen für ein Wissenssystem entscheiden müssen, können Brücken zwischen den verschiedenen Kontexten gebaut werden. Die Herausforderung ist es, gemeinsame Kommunikationsräume zu entwickeln, in denen ein neues Verständnis des lokalen Kontextes aus verschiedenen Perspektiven entstehen kann. So können Themen sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus alltäglicher Sicht bearbeitet werden. [7]

In Deutschland gibt es zwar zahlreiche Projekte und Maßnahmen zur Förderung und Umsetzung von BNE. Dennoch muss in der deutschen Bildungslandschaft noch einiges getan werden, um BNE vom „Projekt in die Struktur“ zu führen und auf diesem Weg alle Lehrenden und Lernenden mitzunehmen. So sind auch hier beispielsweise die Chancen auf eine hochwertige Bildung mit der sozialen Herkunft verknüpft und Lehrmethoden an Schulen noch immer stark auf die Vermittlung von Wissen anstatt auf die Förderung von Kompetenzen ausgerichtet. Der 2017 verabschiedete Nationale Aktionsplan BNE beschreibt, was in Deutschland in den verschiedenen Bildungsbereichen (Kindergarten, Schule, Hochschulen usw.) für eine nachhaltige Entwicklung getan werden muss, z.B. Mitwirkung von Eltern, Schaffung von Freiräumen für Schüler*innen oder Fortbildung für Lehrkräfte. [8] Unterricht sollte die diversen lokalen und alltäglichen Lebenssituationen der Lernenden stärker einbeziehen, um die Motivation und Lernergebnisse bei Schüler*innen zu fördern. So können Diversität und Inklusion gestärkt werden, wie es im Nationalen BNE Aktionsplan gefordert wird. [9]

„Interkulturelle Bildung stellt dabei eine Möglichkeit dar, einer multikulturellen Gesellschaft mit dem Ziel zu begegnen, sie zu transformieren. Das Konzept des „multikulturellen Unterrichts“ kann als Unterricht interpretiert werden, der die Traditionen und das Wissen verschiedener kultureller Gruppen umfasst, während das Konzept des „interkulturellen Unterrichts“ als eine Möglichkeit verstanden werden kann, verschiedenen kulturellen Gruppen zu ermöglichen, miteinander zu kommunizieren und voneinander zu lernen.“[10]

Quellen und weitere Informationen:

Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung c/o Bundesministerium für Bildung und Forschung (2017): BNE Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung

Nutti, Ylva Jannok (2016): Decolonizing Indigenous teaching: Renewing actions through a Critical Utopian Action Research framework. Reprinted IN: Action Research 2018, Vol. 16(1) 82–104, © The Author(s) 2016 Reprints and permissions: sagepub.co.uk/journals Permissions.nav DOI: 10.1177/1476750316668240

Zu den Sámi in Schweden: https://www.nzz.ch/international/ein-historischer-sieg-fuer-schwedens-ureinwohner-die-sami-ld.1535931?utm_source=pocket-newtab


[1] BNE Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung, S. 100

[2] BNE-Portal https://www.bne-portal.de/de/einstieg/was-ist-bne

[3] Die Sámi oder Samen sind ein indigenes Volk im Norden Europas, deren traditionelles Siedlungsgebiet ‚Sàpmi‘ sich über die nördlichen Teile der heutigen Staaten von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland erstreckt.

[4] Ylva Jannok Nutti S.85

[5] Stichwort ‚Ethnomathematik‘: die Suche nach mathematischen Fähigkeiten und Leistungen in verschiedenen Gruppen und Kulturen und das Studium der mathematischen Ideen traditioneller Völker. Siehe Nutti S.93

[6] Ylva Jannok Nutti S.93

[7] Ylva Jannok Nutti S. 100

[8] BNE Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung, S.8

[9] BNE Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung, S.72

[10] Ylva Jannok Nutti, S.88 (Übersetzung: Schielmann)

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