Für das Wohl der Gemeinschaft

Awabakal – eine städtische Aborigine Organisation in Newcastle, Australien

SDG 11 beschäftigt sich mit einem Grundbedürfnis des Menschen, dem Wohnen. Wo und wie Menschen wohnen ist ganz wesentlich für ihr Leben, oft sogar für ihr Überleben. Dabei bedeutet Wohnen mehr als nur eine Behausung mit einem Dach über dem Kopf. Es geht auch um die Verwirklichung von Grundbedürfnissen wie essen, trinken, waschen und schlafen und alledem was den Wohnraum zu einem Zu-Hause macht. Hierzu gehören auch die Nachbarschaft, soziale Kontakte sowie öffentliche Plätze, die von Zu-Hause aus erreicht werden können. Der Wohnraum ist sowohl kulturell und ökonomisch als auch von der natürlichen Umgebung geprägt. Manche Menschen können den Ort, an dem sie wohnen, frei wählen und ihren Wohnraum gemäß ihren Wünschen und Bedürfnissen selbst gestalten. Vielen Menschen können dies aber aus wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Gründen nicht.[1

Von aktuell ca. 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde lebt mehr als die Hälfte in Städten. Prognosen zufolge werden bis 2050 etwa zwei Drittel aller Menschen in Städten wohnen; auf dem Land hingegen weniger als 30 % der Menschen. Die rasante Verstädterung und das zunehmende Stadt-Land Ungleichgewicht bedeuten, dass es besonders für Menschen aus einkommens- und bildungsschwächeren Schichten sowie für Randgruppen der Bevölkerung kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt. [2] Deshalb geht es im SDG 11 darum sicherzustellen, dass alle Menschen Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum und einer Grundversorgung haben (SDG 11.1). Bürger*innen in allen Ländern sollen die Möglichkeit haben, an der Gestaltung und Planung von Städten und Siedlungen mitzuwirken. (SDG 11.3).

In Deutschland leben etwa 30% der Einwohner*innen in einer der 85 Großstädte mit über 100.000 Einwohner*innen. Die anderen etwa 70 % der Menschen in Deutschland leben in Orten mit weniger als 100.000 Einwohner*innen. „Mit 231 Menschen pro Quadratkilometer gehört Deutschland zu den am dichtesten besiedelten Ländern Europas.“[3] Die Herausforderungen in Deutschland für ein gesundes und gutes Wohnen für Alle bedeuten deshalb u. a., den Flächenverbrauch durch neue Gewerbegebiete oder Einfamilienhaussiedlungen einzudämmen und den Ausbau von gemeinschaftlich nutzbaren Grünflächen, Parks und ökologischen Ausgleichsflächen (SDG 11.7) zu fördern.[4]

Viele Angehörige indigener Völker leben im ländlichen Raum. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass gerade in industrialisierten Ländern wie Australien, Kanada, Neuseeland und den Vereinigten Staaten, die Mehrheit der Indigenen in städtischen Gebieten leben. Das Leben in Städten stellt gerade indigene Völker, die traditionell eine stark mit dem Land verwurzelte Lebensweise haben, vor größte Herausforderungen. So sind sie in Städten häufig von Enteignung, Rassismus, Arbeitslosigkeit, Entrechtung, Obdachlosigkeit und hohen Kontaktraten mit dem Justizsystem betroffen. Stadtgebiete können jedoch auch Orte sein, an denen Indigene sich verstärkt sozial bewegen, städtische Indigenen-Gemeinschaften gründen, und ihre eigenen Kulturen und Sprachen wiederbeleben. Eine erfolgreiche, städtische Gemeinschaftsentwicklung zeigt das Fallbeispiel der Awabakal aus Newcastle in Australien.[5]

Die Awabakal sind ein indigenes Volk in New South Wales, Australien, die sich mit dem Awabakal-Stamm und seinen Clans identifizieren oder von ihm abstammen. Sie gehören zu ‚Kooris‘, d .h. der  indigenen Einwohner*innen von New South Wales. Die Ausrichtung des Lebens auf das Wohl der Gemeinschaft hat für die Kooris, eine große Bedeutung. Auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten und um der Rassentrennung (Apartheid) auf dem Land sowie den verheerenden Zuständen in den Reservaten zu entfliehen, migrierten sie zwischen 1950 und 1970 in größere Städte, wie Newcastle. Hier boten Kohl- und Stahlindustrie, Eisenbahn sowie ein großer Güterhafen viele Arbeitsplätze für Einwander*innen aus verschiedensten Kulturen.

Um ihre Lebensbedingungen zu verbessern gründeten die Kooris in Newcastle eine selbstverwaltete Gemeinschaft, die sie nach dem Namen ihrer Gründungsmitglieder benannten, die Awabakal. 1975 wurde die erste Kooperative gegründet, um die Bedürfnisse der indigenen Einwander*innen in den Bereichen Arbeit, Kultur, Gesundheit, Sport, Wohnen und Bildung zu befriedigen. Konkrete Aktivitäten waren beispielsweise das Errichten eines Gesundheitszentrums, das Erbringen von (Transport-) Dienstleistungen für ältere und behinderte Menschen, das Entwickeln von Sozialwohnungs-, Jugend- und Familienprogrammen, das Schaffen von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und indigenen Vorschulen sowie das Anbieten von Sprach- und Kulturprogrammen. Darüber hinaus war das Rückgewinnen heiliger Stätten bedeutsam.

Auch wenn die Migrant*innen aus unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichen Sprachen stammten, gab es etwas Größeres, was alle miteinander verband: ein gemeinsames Weltbild, ein ähnliches Verständnis der Verwandtschaftsbeziehungen sowie ein gemeinsames Wissenssystem. Trotz der politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die die Awabakal zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu meistern hatte, konnte die Lebenssituation der indigenen Migrant*innen durch die soziale Infrastruktur sowie die Inklusion indigener Frauen, Kinder und älterer Menschen nachhaltig verbessert werden. Dabei kommt der Besinnung auf die traditionellen Werte und die Kultur der Kooris eine zentrale Rolle zu. Die Kultur steht im Zentrum der indigenen Gemeindeverwaltung. Urbane gemeinschaftsbasierte Aborigine-Organisationen in Newcastle sind nicht einfach ein Sektor oder Dienstleistungsanbieter. Sie symbolisieren vielmehr Autonomie und Kontrolle und bilden den zentralen Kern für den Aufbau städtischer Indigenen-Gemeinschaften in dieser Stadt. Wie eine lokale Aborigine-Person feststellt, geht es um „Gleichberechtigung mit den weißen Menschen und darum, die indigenen Organisationen, Programme und Dienstleistungen so laufen zu lassen, wie wir es möchten“.[6]

Die Erfahrungen der Awabakal sind heute auch im Kontext der aktuellen Wohnungsproblematik in Deutschland relevant. Auch hier könnten durch eine direkte Beteiligung von Bürger*innen an der Gestaltung der Infrastruktur und Verwaltung von gemeinschaftlichen Einrichtungen, Plätzen und Gütern, Wohnräume in Städten geschaffen werden, die vermehrt auf die Bedürfnisse der Bewohner*innen ausgerichtet sind. So können z.B.“engagierte Bewohner*innen auf Freiflächen und Brachen Urban-Gardening Projekte – Stadtgärten, die von allen gestaltet und genutzt werden […][7] schaffen. Weiterhin kann die Eigenständigkeit kommunaler Strukturen z.B. durch die Ansiedlung von Dorfläden und weiterer lokaler Ladengeschäfte und Unternehmen gefördert werden.[8]


[1] I.L.A. Kollektiv (2019): Das Gute Leben für Alle. Wege in die solidarische Lebensweise. oekom Verlag München, S. 44 https://dasgutelebenfüralle.de/

[2] WUS: Nord-Süd Rundbrief Nr. 98 /März 2019 und Engagement Global: Die Ziele für Nachhaltige Enzwicklung im Unterricht,S.54

[3] Quelle https://derweg.org/deutschland/gesamt/menschen/

[4] VEN: Weltwunder! Wandel statt Wachstum. Die Nachhaltigkeitsziele umsetzen. Bei dir. Bei uns. Weltweit! Zu SDG 11; I.L.A. Kollektiv S.45

[5] Howard-Wagner D. (2017) Successful urban Aboriginal-driven community development: A place-based case study of Newcastle. Discussion Paper 293, Centre for Aboriginal Economic Policy Research, The Australian National University, Canberra. S.1

[6] Howard-Wagner, Deirdre (2018): Aboriginal organisations, self-determination and the neoliberal age: A case study of how the ‘game has changed’ for Aboriginal organisations in Newcastle. IN: Deirdre Howard‑Wagner, Maria Bargh and Isabel Altamirano-Jiménez (ed.): The Neoliberal State, Recognition and Indigenous Rights: New paternalism to new imaginings, published 2018 by ANU Press, The Australian National University, Canberra, Australia. doi.org/10.22459/CAEPR40.07.2018.12. S.225

[7] I.L.A Kollektiv, S.48

[8] Weltwunder! Zu SDG 11

Webseite von AWABAKAL: http://www.awabakal.org/

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